Seiler

Wenn eine eifach nid lugg lahd.

Simon Ledermann, Autor und Regisseur

Uri, Schwyz und Amstalden heisst es in Obwalden 1941. Die Katholisch Konservativen regieren Obwalden quasi als Einheitspartei, geführt von ihrem Präsidenten Walter Amstalden. Er ist Ständerat, Landamann, Polizeidirektor, Bankpräsident und Erziehungsratspräsident gleichzeitig. Alles läuft über seinen Tisch.
Da lanciert der Postbeamte und Zeitungsredaktor Josef Seiler mit einigen liberalen Mitstreitern die Volksinitiative „Gegen Ämtlibeigerei und Sesselkleberei“. In fünf Tagen sammeln sie im ganzen Kanton über 1300 Unterschriften. In Sachseln, Alpnach und Giswil unterschreiben über dreissig Prozent der Stimmberechtigten.

Es folgt ein heftiger Abstimmungskampf mit Flugblättern, anonymen Leserbriefen und Volksversammlungen in allen Gemeinden. In manchen Sälen kommt es zu tumultartigen Auseinandersetzungen. Das alles mitten im Krieg.

Bei der Abstimmung beträgt die Stimmbeteiligung 75 Prozent. Die ganze Schweiz blickt gespannt nach Obwalden. Wenn die Initiative angenommen wird, müssen die Hälfte aller Gemeinderäte, Kantonsräte und Richter im Kanton zurücktreten. Auch Amstalden verliert sein Ständeratsmandat.
Natürlich ist das alles schon so lange her, dass es fast nicht mehr wahr ist. Aber mich faszinierte diese historische Geschichte auf Anhieb. Vor allem die Heftigkeit der politischen Auseinandersetzung überraschte mich. Unsere Grossväter standen anscheinend den heutigen politischen Hardlinern mit ihrer harrschen Rhetorik in nichts nach.

Ich stiess auf den Stoff, als ich ein Chnebelgrind-Hörspiel über Albert Kiser schrieb, einen Zeitgenossen und Mitstreiter von Josef Seiler. Jahrelang verstrickte sich der Ramersberger in einen Rechtsstreit mit den Obwaldner Behörden und Regierungsrat Amstalden. In einem Prozess kam ein Gutachter schliesslich zum Schluss, Kiser leide an „querulatorischer fanatischer Psychopathie“. Das Gericht verurteilte ihn wegen Amtsbeleidigung zu Gefängnis bedingt und schrieb im Urteil: „dass der Angeklagte das Mass der erlaubten Kritik auch dann überschritten hätte, wenn alle seine Behauptungen wahr wären“.

Das Zusammenleben an einem Ort, wo jeder jeden kennt, hat seine Tücken. Dabei ist „wisse wenn nah gä“ sicher eine unerlässliche Tugend. Zwischendurch ist es doch schön, wenn man seine Meinungsverschiedenheiten beiseite legen und sich wieder zusammen an einen Tisch setzen kann.

Nach allem was ich über Josef Seiler gehört und gelesen habe, weiss ich, er muss ein Mensch gewesen sein, der als instinktsicherer Politiker und Journalist schon wusste, wenn nah gä. Aber vor allem zeichnete er sich dadurch aus, dass er einfach nid lugg liess. Seiler trieb manchen Widerstreiter zur Verzweiflung und war für viele ein rotes Tuch, der unnötig den Frieden stört, wemmes doch so scheen chennt ha. Für andere war Seiler ein Held.

Ich bedanke mich beim Historiker Christian Sidler und bei Gabriela Bossard-Seiler für ihre Unterstützung bei meinen Recherchen und für die Geschichten, die sie mir erzählt haben.

Und ich übernehme die volle Verantwortung für jede Verdrehung der Tatsachen, die das Stück gewollt oder ungewollt leistet. Wir spielen Theater. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Vorkommnissen sind zufällig. Aber unvermeidlich.

Fotos: Erika Reiser